In „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“ schreibt Alexandra Borchardt darüber, wie der Mensch 4.0 sein könnte und versucht, ein Bild des künftigen Alltags zu entwerfen. Sie trägt dazu Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten zusammen.

Los geht es mit dem Verständnis von Digitalisierung: was macht den Menschen 4.0 aus? Die Autorin charakterisiert: „Die eigenen Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt, man will Mitsprache, alles soll sofort passieren und sich lohnen.“ Sie erklärt Technologien der digitalen Welt und was sie mit unserer Psyche anstellen. Es geht um Privatsphäre, die Wirtschaft, Demokratie und last but not least Beziehungen. Durch alle Kapitel zieht sich das Thema „Freiheit des Menschen“.

Viele Punkte waren mir bereits bekannt und daher keine Überraschung. Auch konnte ich keine größeren Unterschiede zu meiner eigenen Auffassung feststellen. Das Kapitel „Demokratie“ und der rote Faden „Freiheit“ enthält für mich die meisten neuen Einsichten.

Im Abschlußkapitel „Kleine Philosophie der Freiheit in der digitalen Welt – das gute Leben“ gibt sie einige „Empfehlungen“ für jene Freiheit in einer digitalen Welt. Eine sei hier herausgegriffen: „Das Effizienz-Diktat brechen“: „Wenn die Menschheit sich dem Diktat der Effizienz unterwirft, schafft sie sich selbst ab.“ – denn Effizienz könnten Roboter einfach besser als Menschen. Viele Grüße an die Selbstoptimierungsbewegung! Menschlich bleiben, keine Maschine werden.

Die Autorin schreibt, gemessen an der Komplexität des Themas, recht flüssig. Es regt zum Nachdenken an. Ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Also on / Auch auf:

Juli Zehs Roman spielt im Jahr 2010 in einem (fiktiven) Dorf mit dem sprechenden Namen Unterleuten in der Ostprignitz, Brandenburg, ca. 100 km von Berlin entfernt. Der geplante Bau von zehn Windrädern am Rande des Dorfes erzeugt neue Konflikte unter den Dorfbewohnern und lässt alte Konflikte wieder aufbrechen. Aus der Sicht von gleich elf Personen treibt die Autorin die Handlung voran. Dies gelingt ihr sehr gut. Ich fand den Roman in weiten Teilen spannend. Es gibt nur wenige Stellen, in denen die Handlung etwas abflaut. Für mich immer ein willkommende Gelegenheit, das Buch beiseite zu legen und mich auch mal anderen Dingen zu widmen.

Gefallen hat mir, dass die erzählenden Personen auch in ihrem Innenleben und in ihrer „Lebensphilosophie“ beschrieben werden. So habe ich eine Bandbreite von „Wie man das Leben sieht“ und „Wie man durchs Leben kommt“ kennen gelernt.

Bei den alteingesessenen Dorfbewohnern sind vor allem Rolf Gombrowski und Kron hervorzuheben. Gombrowski hatte die damalige LPG geleitet und sie nach der Wende in eine Nachfolgeorganisation hinüber gerettet. Sie gibt Bewohnern Arbeit und unterstützt Einrichtungen des Dorfes wie Kindergarten und Feuerwehr. Daher sieht sich Gombrowski permanent im Einsatz für das Dorf und die Region. Kron wiederum trauert der DDR nach und ist dem „neuen System“ äußerst kritisch eingestellt. Er lebt allein. Ich habe ihn mir als Rentner vorgestellt, aber laut unterleuten.de ist erst 56 Jahre alt.

Zu den Hinzugezogenen gehören die Paar Fließ und Franzen/Wachs. Gerhard Fließ war Soziologie-Professor in Berlin und Zeit seines Lebens politisch aktiv. Mit dem neuen, eher unpolitischen Zeitgeist kann er nicht so viel anfangen. Außerdem war seine Uni-Karriere ins Stocken geraten. Daher zog er mit seiner ehemaligen Studentin und jetzigen Ehefrau Jule aufs Land und wurde Vogelschützer. Linda Franzen ist „Pferdeflüsterin“ und „angehenden Super-Geschäftsfrau“. Sie verausgabt sich täglich, um endlich ihren geliebten Hengst „Bergamotte“ zu sich auf den Hof zu holen. Ihr Freund Frederick Wachs ist Software-Entwickler bei der Computerspiele-Firma seines Bruders und unter der Woche meist in Berlin. Er ist eher das Gegenteil von Linda – unergeizig und „turnschuhweich“.

Die Protagonisten haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Dies macht sie greifbar und das Buch realistisch. Mir hat es sehr gut gefallen.

Übrigens gibt es mit unterleuten.de eine Webseite zum Buch. Auch zwei weitere, im Buch erwähnte Webseiten gibt es tatsächlich, sowie Profile von zwei Romanfiguren bei Facebook. Das Buch „Mein Erfolg“ des Management-Gurus, den Linda Franzen so verehrt und aus dem sie Merksätze zitiert, gibt es wirklich zu kaufen – sogar als Hörbuch. Die Autorin und der Verlag versuchen anscheinend, die Romanwelt und die „echte“ Welt in einander übergehen zu lassen. Hut ab.

Also on / Auch auf:

Mein erstes Buch des Schriftstellers. Inhaltsangabe des Verlags:

Paulo Coelho erzählt in einfacher, moderner Sprache die Geschichte des Propheten Elia, die wir alle kennen, ›so wie wir sie nicht kennen‹: Sein neuer Roman ›Der Fünfte Berg‹ versetzt uns zurück ins Jahr 870 v. Chr., als Gott Elia befahl, Israel zu verlassen und ins Exil zu gehen. Ausgehend von einer kurzen Bibelstelle erzählt Paulo Coelho die Geschichte des jungen Rebellen und Propheten wider Willen.

Coelho schreibt in einfachen Worten und Sätzen. Ich weiß nicht, ob er auch sonst so schreibt oder ob er den Stil gewählt hat, weil er eine Geschichte aus dem alten Testament weiter erzählt und ungefähr dessen Stil wählt (wenn auch in moderner Sprache).

Obwohl man auch als Atheist einiges aus diesem Buch ziehen kann, ist es für mich ein religiöses Buch. Elias Leben in der Fremde, unter Feinden gar, seine neue Liebe zu einer Frau und die Ungewissheit, was seine Bestimmung ist und ob er das Leben selbst in die Hand nehmen sollte, lassen sich auch ohne religiösen Hintergrund nachvollziehen.

Spoiler

Die Hauptaussage im Buch ist m.E.: mit Gott kämpfen, d.h. bewusst aus den Möglichkeiten (die Gott einem bietet) seinen Lebensweg wählen und damit seinem Leben einen Sinn geben. Die entscheidende Stelle im Buch beginnt mit der Erzählung der Geschichte vom Kampf Jakobs mit dem Engel: Jakob behauptet sich und Gott segnet ihn auf den Namen Israel.

Manchmal ist es notwendig, mit Gott zu kämpfen. Alle Menschen mussten irgendwann in ihrem Leben ein Unglück durchmachen. […] In diesem Augenblick forderte Gott sie heraus, sich ihm zu stellen und ihm seine Frage zu beantworten: „Warum klammerst Du Dich so sehr an ein kurzes Leben voller Leiden? Welchen Sinn hat Dein Kampf?“

[…]

Vom Himmel lächelt der Herr zufrieden – weil es genau dies war, was Er wollte. Er wollte nämlich, dass jeder die Verantwortung für sein Leben in die eigenen Hände nahm. Schließlich war dies ja die größte Gabe, die er Seinen Kindern gegeben hatte: Die Fähigkeit, selbst zu wählen und selbst zu bestimmen. (S. 189f)

Elias hat lange gebraucht, die zu begreifen.

Apropos „Jakob und der Engel“.

Frank Schätzings Romandebüt Tod und Teufel spielt im Jahr 1260 in Köln. Dieser Krimi ist spannend geschrieben, hat aber einige Schwächen.

Der Roman ist in einen realen historischen Kontext eingebettet: Konrad von Hohenstaden, Erzbischof von Köln, stand in Konflikt mit den Patriziern der Stadt. Der Dombaumeister ist tatsächlich in den Tod gestürzt.

„Tod und Teufel“ von Frank Schaetzing, Goldmann Verlag 1995

Protagonist ist Jacop, ein Bauernsohn, Vagabund und Dieb, der diesen Sturz als Einziger beobachtet, aber auch gesehen hat, dass der Dombaumeister gestoßen wurde. Der Täter (namens Urquart) bemerkt dies und verfolgt ihn, denn der Tod soll wie ein Unfall aussehen und Zeugen für einen Mord sind unerwünscht. Darüber hinaus wird von den Auftraggebern Urquarts erzählt, welche größtenteils Kölner Patrizier sind.

Hilfe findet Jacop bei der Färberstocher Richmodis und ihrem Onkel, dem Geistlichen Jasper von Rodenkirchen – und dieser findet, dass die Wahrheit ans Licht muss. Es handelt sich um eine David-gegen-Goliath Geschichte, denn Urquart ist sehr gefährlich und seine Auftraggeber sehr mächtig. Es ist dann doch etwas unglaubwürdig, dass in einer mittelalterlichen Stadt Leute aus der Handwerkerschicht und ein Geistlicher einem Dieb helfen. Zwischendurch doziert Jaspar über die jüngere Geschichte und die Philosophie des Petrus Abaelardus. Auch hier bezweifle ich, dass ein „echter“ Jacop ohne jede Bildung dies auch nur annähernd verstanden hätte.

Schätzing hat die Geschichte spannend erzählt bis auf einige Längen mit den geschichtlichen und philosophischen Einschüben, was mich persönlich aber nicht so gestört hat, da ich auch gerne mal eine Pause von der Spannung habe.

Ein Motiv im Roman: der Mensch ist selbst für sich verantwortlich. Er / Sie hat die Freiheit, seine Einstellung und (in einem gewissen Rahmen) sein Handeln zu wählen. Hier verweist Schätzung (durch Jaspar) auf Abaelardus (der lt. Wikipedia im 12. Jahrhundert Kant vorweg nahm).

Abaelardus vertrat die Auffassung, dass der Mensch entscheiden kann zwischen Sünde und Nichtsünde. Er hat die Wahl. … Er kann sich zu seinen Handlungen bekennen die Verantwortung dafür übernehmen.

Sowohl Jacop als auch Urquart haben eine traumatische Erfahrung gemacht. Urquart wurde zu einem Auftragskiller und einer gnadenlosen Tötungsmaschine, Jacop ist vor sich selbst davon gelaufen. Aber Jasper macht Jacop klar, dass er sich seiner Vergangenheit stellen und Verantwortung übernehmen kann. Und auch unter den Auftraggebern Urquarts gibt es welche, die über ihre Taten nachdenken und ihre Einstellung ändern.

Adrian J. Walker: Am Ende aller Zeiten, erschienen 2016 im Fischer Tor Verlag; ISBN 9783596037049.

Meine Bewertung: 3,5 von 5 Sternen

Edgard Hill erlebt mit seiner Familie in Schottland den Einschlag eines Meteoritenschauers, der die britischen Inseln und noch mehr verwüstet. Sie können sich gerade noch in ihren Keller retten. Später werden sie vom Militär gerettet und leben in einer Kaserne. Ed, so gibt er selbst zu, nimmt seine Vater- und Ehemannrolle nur halbherzig war.

Als er mit einigen Kameraden von einem Ausflug zwecks Nahrungsbeschaffung in die Kaserne zurück kommt, sind die meisten Kasernenbewohner inkl. seiner Familie verschwunden – eine unbekannte Organisation hat sie mit Hubschraubern nach Wales geflogen, von wo sie bald mit dem Schiff auf die Südhalbkugel evakuiert werden sollen. Will Ed seine Familie wiedersehen, dann muss er sich aufmachen von Schottland nach Wales.

Liebevoll gestaltetes Buchcover
Liebevoll gestaltetes Buchcover

Der englische Originaltitel verrät, worum es in weiten Teilen des Romans geht: „Der Laufklub am Ende der Welt“. Denn Laufen wird für den unsportlichen Ed und seine Begleiter zur häufigsten Fortbewegungsart. Und so ist es auch ein Buch über das Laufen. Ich finde, das sollte man durchaus wissen, bevor man das Buch liest.

Das postapokalyptische Britannien bildet die düstere Szenarie für die innere Wandlung des faulen, distanzierten Eds zum Läufer, der noch rechtzeitig seine Familie erreichen will. Nicht immer ist die Handlung ganz plausibel, am Schluss wird einiges offen gelassen. Die äußere Handlung ist gut geschrieben – ich konnte das Buch nicht so einfach aus der Hand legen. Der Autor versucht es mit einigen tieferen Betrachtungen, aber das war etwas neblig für mich. „Geschichten funktionieren …, weil sie dir ein Gefühl vermitteln, wie die Wahrheit sich anfühlen würde, wenn du sie hören könntest. … [Sie] lassen eine tiefere Bedeutung anklingen.“ heißt es im Buch. So hat es sich der Autor wohl auch mit dieser vorgestellt. Ich höre das „Klingen“, aber es ist recht leise.

Hinweis: Das Buch wurde mir Rahmen eine Leserunde auf lovelybooks.de vom Fischerverlag geschenkt.

Also on / Auch auf: